“Netto-Null ist nicht nur ein Modewort - Unternehmen müssen zeigen, dass sie es mit dem Klimaschutz ernst meinen." Unter diesem Titel veröffentlichte Renat Heuberger, CEO von South Pole, kürzlich einen Blogpost. Dieses Thema haben wir im Climate Chatter Podcast von South Pole aufgegriffen.

Nach der ersten Episode, in welcher wir mit Frank Hasselmann von Galaxus Deutschland die Bemühungen für mehr Klimaschutz im e-Commerce diskutiert haben, sprechen in der zweiten Episode Sustainability Advisor Julia Hunziker und Denis Jorisch, Leiter der Corporate Climate Targets Practice bei South Pole, über das Thema Net Zero.

Nachdem 2020 sich die Net-Zero-Verpflichtungen mehr als verdoppelt haben, wird in diesem Gespräch aufgezeigt, was genau die Unterschiede zwischen Klimaneutralität und Net Zero sind, und weshalb Klimaneutralität ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine emissionsfreie Zukunft ist.

In Anlehnung an South Poles Report “Crossing the Line to Net Zero" kritisiert Denis Jorisch die Unternehmen, welche sich auf ihrem Net-Zero-Pfad keine Meilensteine gesetzt haben: “Es ist wie, wenn man sagen würde, man will bis 2050 10 kg abnehmen, dann hätte man 28 Jahre Zeit um gar nichts zu machen, und im letzten Jahr trainiert man richtig hart, um diese 10 kg abzunehmen".

Durch Meilensteine in regelmässigen Abständen werden Net-Zero-Ambitionen viel greifbarer und verständlicher, ausserdem können die Fortschritte auch besser verfolgt werden.

Ebenfalls taucht die Frage auf, inwiefern die globale Wirtschaftskrise aufgrund der Coronapandemie die Klimaschutzbemühungen von Unternehmen beeinflusst hat. Ist es ein Zufall, dass genau in diesem Jahr die Verpflichtungen stark zugenommen haben, oder ist das eine logische Konsequenz aus den Erkenntnissen des Jahres 2020?

Erfahren Sie dies und noch vieles mehr im Climate Chatter. Der Podcast ist auf verschiedenen populären Streamingdiensten wie zum Beispiel Spotify oder Apple Podcasts zu finden.

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Transkript

Julia Hunziker (JH): Herzlich willkommen zum Climate Chatter von South Pole, dem Podcast in welchem wir das Thema Klimaschutz mit Experten diskutieren und herausfinden wollen welche Herausforderung auf uns zukommen aber auch welche Chancen sich durch nachhaltigen Klimaschutz ergeben. Mein Name ist Julia Hunziker, ich bin Sustainability Advisor bei South Pole und ich freue mich wirklich sehr die zweite Episode des Climate Chatters von South Pole im Podcastformat moderieren zu dürfen. Nachdem wir in der ersten Podcast Episode über das Thema Klimaschutz und E Commerce gesprochen haben, widmen wir uns heute dem Thema Net Zero.

Neben Klimaneutralität ist ja in letzter Zeit dieser Begriff Net Zero wirklich zu einem wahren Buzzword geworden und heute nutzen wir die Chance diesen Begriff noch mal etwas genauer zu beleuchten ja und auch herauszufinden was Net Zero oder wie es im deutschsprachigen Bereich auch oft genannt wird Netto Null, was es genau für Unternehmen bedeutet.

Mein heutiger Experte ist Denis Jorisch, Denis leitet bei South Pole die Corporate Climate Targets Practice und ist Experte für das Thema Net Zero. Schön das du heute dabei bist Denis.

Denis Jorisch (DJ): Ja vielen Dank für die Einladung, Julia.

JH: Denis, viele Unternehmen in Deutschland, Österreich und auch in der Schweiz haben sich 2020 Klimaneutralitätsziele gesetzt. Nun gibt es aber auch immer mehr Firmen, die sich zu Net Zero verpflichtet haben. Ich glaube, wenn ich das richtig im Kopf habe, dann haben sich die Net Zero Verpflichtungen sogar verdoppelt weltweit. Wie kann man das verstehen und was heisst das genau? Und wie wie stehen diese beiden Konzepte Klimaneutralität und Net Zero zueinander?

DJ: Ja grundsätzlich ist das eine sehr erfreuliche Entwicklung, dass sich diese Verpflichtungen im letzten Jahr verdoppelt haben, das zeigt, dass das Klimaschutz und Klimawandel sehr präsent ist in der Wirtschaft. Und dass das auch ernst genommen wird und sich die Unternehmen Gedanken machen, wie sie damit umgehen können und was für Massnahmen sie ergreifen können. Ich denke, das ist eine sehr schöne Entwicklung. Und zu deine Frage, wie die beiden Konzepte Klimaneutralität und Net Zero zueinander stehen, das ist eigentlich eine Frage die mich und unsere Kunden tagtäglich beschäftigt. Es wird auch oftmals nach Klarheit gefragt, da gibt's natürlich ein bisschen ein Problem, sagen wir mal. Das Thema Net Zero ist schon ein paar Jahre alt, es gab auch schon Commitments, nicht erst im letzten Jahr, auch schon in den Jahren davor. Aber die wirklich öffentliche Diskussion um was beinhaltet ein glaubhaftes Net Zero Ziel wirklich und wo zieht man die Grenzen, diese Diskussion ist erst wirklich im letzten Jahr gestartet. Und das schafft natürlich ein bisschen Verwirrung. Aber grundsätzlich wurde im letzten Jahr eine Grundlage geschaffen, da war vor allem die Science Based Targets Initiative dafür verantwortlich, aber auch WRI also das World Research Institute sowie CDP, und sie haben eigentlich gesagt, dass man das auf drei Komponenten runterbrechen kann. Und als erstes braucht es Reduktionen der Treibhausgasemissionen eines Unternehmens, also wenn man Net Zero jetzt auf Unternehmensebene anschaut. Es braucht drastische Reduktionen der eigenen Emissionen in der gesamten Wertschöpfungskette, und idealerweise sollten das so genannte Science Based Targets sein, also an die Wissenschaft angelehnte Reduktionen. Und diese sollten mit einem Szenario von 1.5 Grad Erderwärmung einhergehen. Und dann als zweiter Punkt, was ein Net Zero Ziel beinhalten soll, ist die Neutralisierung aller verbleibenden Emissionen, spätestens im Zieljahr, wo man sich das Net Zero Ziel gesetzt hat. Eine dritte Komponente, die dann auch erwähnt wird, die wird als optional erwähnt aber gleichzeitig als sehr ambitioniertes Net Zero Ziel definiert, ist die Kompensation der Emissionen auf dem Pfad zum Zieljahr. Dann, also wenn die Emissionen eines Unternehmen mit Zertifikaten, die nicht zwingend Removals sind, kompensiert werden, dann spricht man von Klimaneutralität eines Unternehmens.

JH: Du hast ja eben auch von Kompensation gesprochen, Kompensation ist ein Teil um die Klimaneutralität zu erreichen, und man unterscheidet ja zwischen Vermeidung und Removals. Kannst du uns nochmals den Unterschied ein bisschen erklären, was es heisst, was sind Vermeidungsprojekte und was sind Removalsprojekte und wie unterscheiden die sich?

DJ: Ja, gerne. Ich denke, das wichtigste ist zu verstehen, dass wir um ein Net Zero Ziel zu erreichen negative Emissionen brauchen. Das heisst wir brauchen Technologien, das können natürliche aber auch wirklich technische Lösungen sein, die Treibhausgase oder CO2 aus der Atmosphäre sequestrieren. Das wurde von der Wissenschaft auch aufgezeigt haben diesen Report von der IPCC dieser Intergovernmental Panel on Climate Change das besagt dass wir bis 2050 eben Netto Null, sprich unter dem Strich Null Emissionen brauchen. Alles, was wir emittieren, müssen wir irgendwie wieder aus der Atmosphäre rausbringen. und dafür gibt's natürliche Lösungen, das sind Projekte die zusätzliche Biomasse pflanzen, eben Wälder pflanzen zum Beispiel, es gibt andere Möglichkeiten die auf technischen Lösungen beruhen wie das Direct Air Carbon Capture and Storage oder kurz CACs, ein bekanntes Startup hierfür wäre Climeworks, das auch jetzt kürzlichen ein grösseres Investment von Microsoft erhalten hat, das jetzt auch publik wurde. Die unterstützen das Projekt das Climeworks vor allem in Island treibt. Das heisst wir haben diesen Typ Projekte, die wirklich das CO2 aus der Atmosphäre raus nehmen und gleichzeitig gibt es auch Projekte, die einfach vermeiden, dass zusätzliches CO2 oder Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen, aber die nicht wirklich CO2 herausnehmen. Da reden wir von Projekten wie das Vermeiden von Abholzung von Wäldern, von Energieeffizienzprojekten, erneuerbarer Energie, und so weiter. Das wichtige ist halt, dass man versteht, für ein Net Zero Ziel braucht man diese Neutralisierung oder diese Removals in seinem Portfolio, weil man den Fussabdruck, den man noch übrig hat am Schluss, halt unter dem Strich auf Null setzen muss.

JH: South Pole hat kürzlich auch einen Bericht zum Thema Net Zero publiziert, was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Erkenntnisse dieses Reports?

DJ: Ja, wir haben einen Report lanciert mit dem Titel “Crossing the Line to Zero", und der untersucht den Status von Net Zero Commitments von Unternehmen. Und die wichtigste Erkenntnis war, dass bis zu diesem Zeitpunkt nur rund 50% der Unternehmen, die sich Net Zero Ziele gesetzt haben auch Meilensteine definiert haben, um dorthin zu gelangen. Das ist ein bisschen etwa so, als ob man sich ein Ziel setzt, nach den Ferien fit zu werden, indem man nur die Ausrüstung kauft, aber nicht proaktiv seine Ernährung und seinen Lebensstil ändert und einen Zeitplan einhält. Es besteht halt einfach die Gefahr, dass CEOs oder das Management diese Net Zero Ziele als Mittel zur Förderung des guten Willens angenommen haben. Was wir als Schlussfolgerung gezogen haben, ist, obwohl es mehr und mehr Net Zero Ziele gibt, gibt es wenige Meilensteine bei den Unternehmen und es ist auch nicht ganz klar, in welchen Abständen diese gesetzt werden müssen. Und wir hoffen, dass sich das in der Zukunft ändern wird.

JH: Wieso denkst du wurden denn noch nicht mehr Meilensteine gesetzt? Man hat ja das Gefühl, man setzt sich ein Net Zero Ziel und das geht Hand in hand, dass man dann auch Meilensteine setzt. Wo liegen denn da die Herausforderungen?

DJ: Das ist eine gute Frage, ich kann da nur meine Vermutungen abgeben. Wenn man sich den Zeithorizont anschaut, dann sind diese Net Zero Ziele oftmals in ferner Zukunft. Das heisst, wir sind im jahre 2021, wenn man ein Ziel für 2050 setzt, dann ist das in 29 Jahren. Das ist nicht wirklich greifbar.

Es ist wie, wenn ich sagen würde, ich will bis 2050 10 kg abnehmen, dann habe ich eigentlich 28 Jahre Zeit um nichts zu machen, und im letzten Jahr geh ich ins Gym und trainiere richtig hart um diese 10 kg abzunehmen, und das wär ja auch eine Möglichkeit. Aber das Problem ist, es machts nicht wirklich greifbar. Und darum ist es wichtig, dass man versucht, das in meilensteine runterzubrechen, idealerweise vielleicht alle fünf Jahre, dass man die Strategie dann auch gemäss diesen 5 -ahres-Meilensteinen ausrichtet. Das macht es viel greifbarer. Wichtig ist auch, dass man sich überlegt, oder in diesem Prozess auch transformatives Denken anstrebt. Vielleicht ist das Business, in dem man jetzt wirtschaftet, in 20-30 Jahren gar nicht mehr möglich, unter einem Netto Null Ziel. Sprich: Was sind die Services von morgen? Welche Services werden wir in einer Climate Smart Economy brauchen? Ich denke jetzt da vor allem an Öl- und Gasunternehmen oder solche, die mit Kohle wirtschaften, die haben vermutlich einen geringeren Platz in 30 Jahren in unsere Wirtschaft.

JH: Für grosse Veränderungen braucht es ja nicht nur den Privatsektor, es ist auch wichtig, dass der öffentliche Sektor dabei ist, die Politik spielt eine grosse Rolle. Siehst du auch politische Driver in dieser ganzen Net Zero Entwicklung, oder ist es wirklich vom Privatsektor getrieben?

DJ: Schwierig zu sagen, es ist ein bisschen von beidem. Der Privatsektor beeinflusst die Politik und die Politik beeinflusst den Privatsektor. Wir sehen in der Politik oder auf Länderebene gewisse Vorreiter, die schon relativ schnell und regid ihre Klimaziele gesetzt haben. Ich denke da vor allem an europäische Länder, die nordischen Länder, die sehr klare Ziele gesetzt haben auch mit einem ambitionierten Zeithorizont. Und jetzt kommen nach und nach die Commitments von weiteren Ländern, die vielleicht ein bisschen weniger ambitioniert sind in der Zeitachse. Und das gleiche sehen wir auch bei den Privatunternehmen oder bei der Wirtschaft. Es gab Firmen die sich relativ schnell sehr starke Ziele gesetzt haben, die ersten, die sich diese Net Zero Ziele gesetzt haben oder von Climate Positivity gesprochen haben. Ich denke da jetzt an Firmen wie Microsoft, IKEA, Swiss Re, Unilever. Wenn man das vergleicht mit der Kurve “Diffusion of innovation" dann haben wir die early Adopters und Innovators, das sind so diese Unternehmen. Und jetzt kommt so ein bisschen die grosse Masse. Wir merken das auch bei uns im Unternehmen, wir sind jetzt so an dem Punkt, an dem die Kurve am steilsten wird, wo die early majority reinkommt und sich diese Klimaziele setzt. Und ich habe das Gefühl, dass das eine Wechselwirkung ist. Und als dritte Komponente, je weiter fortgeschritten wir sind, desto mehr Wichtigkeit wird diesem Thema zugeschrieben.

JH: Du hast von dieser grossen Masse gesprochen, hast du das Gefühl, dass die Coronakrise vielleicht auch einen Einfluss hatte, dass nun diese grosse Masse dran ist und dass es nicht nur die early adopters sind? Und dass Firmen in der Coronakrise gemerkt haben, sie müssen sich Net Zero Verpflichtungen setzten und deshalb auch handeln?

DJ: Das würde ich jetzt vielleicht nicht direkt in Verbindung bringen. Das könnte einfach auch Zufall sein. Was bei den Unternehmen vielleicht geschehen ist, ist, dass sie realisiert haben, dass sie vulnerabel sind gegenüber äusserlichen Einflüssen, wie eben eine Pandemie, oder starke Wetterereignisse wie Hurricanes und so weiter. Diese Pandemie hat vielleicht noch ein bisschen mehr dieses Gefühl oder diese Sinne geschärft, dass man gewissen Ereignissen ausgeliefert ist. Und dass man beim Klimawandel eine längere Zeitachse hat, als bei der Pandemie und dass es Sinn macht, sich damit auseinanderzusetzen und sich zu überlegen, wie man in einer Welt die 2 Grad wärmer ist, auch überleben und wirtschaften kann. Und das haben wir auch beobachtet im letzten Jahr, viele Unternehmen waren zuerst sehr vorsichtig und wollten keine weitere Commitments machen, weil sie nicht genau wussten, was der Impact ist. Aber relativ schnell wurde klar, dass viele Projekte, die sie intern haben, wurden auf Eis gelegt mit Ausnahme von Klimaschutzbemühungen. Und das war doch auch spannend, ich mag mich da an mehrere Kundengespräche erinnern, wo es hiess, ja wir haben eigentlich alles auf Eis gelegt, aber KLima ist ein Thema, das wird uns auch in 20 oder 30 Jahren noch beschäftigen, da macht es keinen Sinn, das auf die hohe Kante zu schieben.

Man muss natürlich sagen, das waren Unternehmen, die zwar von der Pandemie getroffen wurden, aber nicht in dem Ausmass wie jetzt zum Beispiel die Aviatik oder der Tourismus als solches. Da sind ganz andere Probleme aufgetaucht, da gings nur noch um das Überleben. Diese Sektoren haben jetzt nicht unbedingt ihre Klimaschutzbemühungen weiter vorangetrieben, was auch verständlich ist, aber grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass die Pandemie vielleicht die Sinne nochmal ein bisschen mehr geschärft hat.

JH: Ja ich denke auch, dass viele Unternehmen einfach verstärkt durch die Coronakrise erkannt haben, dass sie doch anfällig für externe Schocks sind, und dass sie nun auch vermehrt darüber nachdenken, was vielleicht sogar der nächste Schock sein könnte. Und dass sie sich bewusst sind, dass die Klimakrise nicht nur jetzt ein Thema ist, sondern auch in den nächsten 10, 20, 30 Jahren wichtig sein wird. Das haben wir auch bei unserem Virtual Climate Roundtable gesehen, wo wir das Thema Net Zero mit ausgewählten Firmen aus verschieden Sektoren besprochen haben, und da wurde wirklich klar, dass das Thema Klima weit oben auf der Agenda steht, und dass es trotz Corona noch immer aktuell ist.

Vielen Dank Denis, für dieses Aufschlussreiche Gespräch, und auch für die interessanten Einblicke in deine Arbeit rund ums Thema Net Zero.

DJ: Ja vielen Dank Julia für das Gespräch und bis zum nächsten Mal.

JH: Ich würde hier an dieser Stelle auch gerne nochmals auf unseren Net Zero Report auf der South Pole Website hinweisen, dieser Report basiert auf einer Umfrage mit über 120 Nachhaltigkeitschampions aus verschiedensten Sektoren. Und dann möchte ich mich natürlich auch noch ganz herlich bei allen Hörerinnen und Hörern bedanken, ich hoffe es war ein spannender Austausch und Sie konnten einige interessante Einblicke mitnehmen. Vielen Dank und wir freuen uns auf die nächste Ausgabe vom Climate Chatter Podcast von South Pole.